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Ich liebe die Wüste weil ich hier die absolute Stille und mein läuferisches Glück finde.

- Rainer Predl

PLATZ 3 IN DER SAHARA

Rainer Predl läuft
den Ultra Mirage 100 km


36 Grad, kein Schatten, nur Sand bis zum Horizont. Zehn Stunden, zehn Minuten und drei Sekunden später steht Rainer Predl als bester Europäer auf dem Stockerl des Ultra Mirage in Tunesien. 

Dazwischen liegen eine Führung von Kilometer eins an, fünf aggressive Wildhunde, ein Verlaufen mitten in der Wüste und eine Aufholjagd von Platz fünf zurück aufs Podium. 

Es ist Rainers dritter Trip in die Sahara, nach zwei Läufen beim bekannten Saharamarathon in Algerien 2014 und 2020, jeweils belohnt mit Platz eins und Platz drei. Diesmal zieht es ihn ins Nachbarland Tunesien, zum ersten Mal über die Königsdistanz: 100 Kilometer, komplett durch die Wüste, bei einem Rennen, das bereits zum zehnten Mal stattfindet und durchdacht organisiert ist.

VON -40°C ZU +36°C 

Knapp elf Monate nach dem 100-km-Ultra in der Antarktis bei minus 40 Grad ist nun das Gegenteil gefragt. Für einen erklärten Wüstenfuchs ist das keine Qual, sondern vertrautes Terrain. 

Die Reise führt über Tunis, wo zwei Tage Akklimatisierung anstehen, und mit acht Stunden Busfahrt weiter zur Oasenstadt Tozeur, Ausgangspunkt vieler Sahara-Expeditionen. Schon wenige Kilometer außerhalb der Stadt zeigt sich die raue Realität:
Sand, Erdlöcher, kaum Schatten, hin und wieder eine Schlange oder ein Skorpion.

STARTNUMMER 82 

Der Ultra Mirage ist komplett ausgebucht, mit Distanzen über 25, 50, 100 Kilometer und 100 Meilen.

Für Rainer ist klar: Die 100 km sind seine Paradedisziplin, wie schon in der Mojave-Wüste und der Antarktis. In den Tagen vor dem Start entstehen schnell Kontakte, ein Trupp deutscher und österreichischer Teilnehmer, dazu internationale Läufer aus Algerien, Polen, Frankreich und Japan, verbunden durch dieselbe Leidenschaft.

Nach Startnummernausgabe, Pressekonferenz und Race Briefing geht Rainer mit Nummer 82 ins Rennen. Pflicht im Gepäck, deren Fehlen eine Zeitstrafe oder Disqualifikation bedeutet hätte:

  • 2-Liter-Laufrucksack
  • Signalpfeife, Feuerzeug
  • Taschen- und Stirnlampe
  • Rettungsdecke
  • Personalausweis
  • Handy und GPS-Tracker

RENNTAG: 06:00 UHR 

Punkt sechs Uhr ist Start, mitten in der Wüste, wo der Veranstalter Startbogen und Sahara-Camp aufgebaut hat.

Bei angenehmen 25 Grad übernimmt Rainer von Beginn an die Führung, zunächst gemeinsam mit dem Feld der 50-km-Distanz. Bei Kilometer 9 trennen sich die Wege Richtung „Mirage100". 

Alle 200 Meter markieren Sandsäcke die Strecke,
einzige verlässliche Orientierung im unebenen Gelände.

Der GPS-Tracker dient dem Live-Tracking und im Notfall als SOS-Funktion, die automatisch zur Disqualifikation führt. 

Checkpoints alle 10 bis 20 Kilometer bieten Wasser, Datteln und Nüsse, die gesamte offizielle Verpflegung. 

Eigene Energie im Rucksack ist deshalb Pflicht,
bei Rainer Peeroton-Riegel, Gels und ein isotonisches Getränk.

Kilometer 30:
fünf Wildhunde

Ganz allein in der Wüste, nur Sand und eine verfallene Mauer. Dann plötzlich fünf Wildhunde, bellend und mit gefletschten Zähnen, direkt auf Kurs.

Als Führender trifft es Rainer zuerst, die Tiere springen gegen seinen Rücken, in klarer Absicht, ihn zu Fall zu bringen. Ruhe bewahren, geradeaus weiterlaufen, nach rund 300 Metern lassen sie ab.

Der Puls bleibt noch lange oben, doch der Blick nach vorn zählt:
Rainer liegt weiter auf Platz 1 und ist auf Kurs zum Streckenrekord von 8:22 Stunden, ein Kurs, der bald eine jähe Wendung nimmt.

VERLAUFEN MITTEN IN DER SAHARA 

Nach dem großen Checkpoint bei Kilometer 50 geht es lange geradeaus, der Untergrund wird fester, das Tempo steigt.
Doch irgendwann fehlen die Markierungen. Ein Pick-up mit Ziegen taucht auf, der Fahrer gestikuliert unmissverständlich:
falsche Richtung.

Ohne sichtbaren Wegweiser bleibt nur, den Worten zu vertrauen, eine Mitfahrt wird aus Sorge vor Disqualifikation und Missverständnis abgelehnt. 

Stattdessen geht es die rund 1,3 Kilometer zu Fuß zurück zum letzten Wegpunkt, begleitet vom Fahrer.
Tatsächlich war die Strecke im Trance-Zustand einfach geradeaus weitergelaufen worden, auch zwei andere Läufer kommen in diesem Moment aus der falschen Richtung entgegen.

VON PLATZ 1 AUF PLATZ 5: DEHYDRATION. 

Der Rucksack ist fast leer, die Lippen staubtrocken, eine Dehydrationsphase macht sich bemerkbar.

Ein Läuferpulk bestätigt den Verlust mehrerer Plätze durch den Umweg, doch in diesem Moment zählt nur eines:
trinken und durchhalten.

Am Checkpoint bei Kilometer 50 die bange Frage nach einer möglichen Disqualifikation, dann Erleichterung:
Da der Umweg nur Nachteile gebracht hat, darf das Rennen fortgesetzt werden. 

Datteln, Nüsse, Flüssigkeit, eine Salztablette und ein Magnesium-Stick gegen Krämpfe, dann geht es weiter. 

Von Platz 5 beginnt die Aufholjagd, Biss und Dynamik sind zurück. 

Der Anspruch bleibt, dieses persönliche Highlight auch als solches zu Ende zu bringen. Nach einer erzwungenen Laufpause im Juni und Juli wegen eines Plantarfaszien-Risses ist auch das ein mentaler Erfolg:
die Freude am Laufen trägt durch jede Krise in dieser einzigartigen Umgebung.

DER KAMPF UM PLATZ 3 

Bei Kilometer 65 wird der Viertplatzierte eingeholt, sichtlich schlechter dran, er übergibt sich, ein schlechtes Omen bei 36 Grad. Nach kurzer Massage geht es weiter, der Blick nun auf Platz 3 gerichtet. Ein Tunesier, von Weitem als Orientierungspunkt erkennbar, wird bei Kilometer 75 eingeholt und zeigt keine Anstalten mehr, mitzuhalten. 

Platz 3 ist erreicht und soll bis ins Ziel nicht mehr hergegeben werden, der Abstand nach vorn bleibt unbekannt, später zeigt sich: nur rund zehn Minuten. 

Der letzte Abschnitt führt über einen Salzsee, der sich angenehm fest laufen lässt. Die letzten zehn Kilometer werden dagegen nochmals zur sandigen Herausforderung, bis das Ziel in Sicht kommt und die letzten Meter wieder im Laufschritt absolviert werden.

Du lernst schnell das nur noch 10km durch die Sahara anders sind als nur noch 10km irgendwo in Deutschland
- Rainer Predl

10:10:03 STUNDEN
ZIEL ERREICHT 


Überglücklich, aber erschöpft fallen die Zielfotos kurz aus, wichtiger sind Schatten und eine kühle Cola. Rund 35 Minuten dauert die erste Abkühlung. 

Am Ende steht ein Lauf, der zeigt, was trotz Verletzung und Rückschlägen mental möglich ist. Ob ohne den Umweg der Sieg drin gewesen wäre, bleibt offen und spielt keine Rolle: 

Platz 3 in der Gesamtwertung, als einziger Europäer auf dem Stockerl des Ultra Mirage, ist Grund genug zur Freude. 

Man lernt mit der Zeit Dinge zu akzeptieren, ob gute oder schlechte, am Ende zählt das Erlebnis und das Ereignis
- Rainer Predl
Ergebnisse Top 10: Ultra Mirage 100 km

ERGEBNISSE TOP 10 ULTRA MIRAGE 100km

Platz Name Land Zeit
1 Walid Romdhani TUN 09:59:26
2 Abdebassat El Hamel ALG 09:59:26
3 Rainer Predl AUT 10:10:03
4 Gawen Bremond FRA 10:21:25
5 Zhiou Abderrahim TUN 11:15:45
6 Bilel Troudi TUN 11:56:20
7 Amine Krichen TUN 11:57:42
8 Fadhel Saharouri TUN 11:58:51
9 Adel Trabelsi TUN 12:03:26
10 Bassem Ben TUN 12:11:32
Fotos credit by Fotos.Run.Prod/TN und Ultra Mirage
Ich habe den ersten Platz zwar durchs verlaufen in der Sahara verloren jedoch dafür neue Freunde gewonnen 
- Rainer Predl

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